Matze's Buch ⟩ Kurzgeschichte 1 ⟩ Bike Event Beschreibung 02.02.2018 Kapitel 1. Se Tschörmäns, the Swiss and I

Ihr habt den gestrigen Artikel fleißig geteilt, deshalb gibt's jetzt hier einen ersten Auszug aus Kapitel 1. Über 50 und ein Audi S4. Die Moral steht zum Schluß.


Wie beschreibt man ein Bike Event und wer darf mit.

Und täglich grüßt das Murmeltier. Da kann eine Tourenbeschreibung oder unser Technik Training noch so detailiert beschrieben sein, jeder Biker interpretiert die Zeilen anders. Und so nebenbei kann man den Guides ja sowieso nicht trauen. Nur noch eine Kehre (von 20), kennt ihr sicher, oder?

Unsere Touren und Event Beschreibungen sind kurz, knapp und sollen Freiraum für eigene Interpretationen liefern. Keine knallharten Stornobedingungen, ellenlanges Vertragswesen oder Schwierigkeitseinteilungen mit 10 Stufen. Und wir fahren gut so, seit 15 Jahren.

Ich weiß, euch Deutschen kann dies verunsichern. Aber so ist es halt, akzeptiert es und vertaut uns, wir sind Bikeguides und wollen mit euch ein schönes Erlebnis teilen.

Schau dir z.B. die Informationen zu unserem Ortler Enduro Freeride Special an: Schöne Bilder, kurze Überschriften und ein grober Ablauf dieser Traumwoche zwischen dem Vinschgau und  Santa Caterina ist angegeben. Für wen ist dieses Event geeignet? Steht auch in der Beschreibung: Für alle, die Berge, Gipfel, Natur und alpine Trails lieben. Reicht das?

Unser Sundowner nennt sich Freeride, weil mit mit dem Shuttle fast alle Höhenmeter gefahren werden, nicht, weil wir bergab Geschwindigkeitsrekorde oder unsere Knochen brechen wollen.

Hier zwei unterschiedliche Kurzgeschichten zum Schmunzeln, beide für mich prägend und deshalb hier erzählt.

Slow down and relax.

Schöne Bilder im Kopf.

Friedrich (Name von der Redaktion geändert) surft an einem Novemberabend im Internet. Seine Arbeitskollegen haben über deren Alpencross-Erlebnis diskutiert. Friedrich fährt zwar auch Mountainbike, aber einen 20.ooo Alpencross traut er sich schon wegen dem Trainingsaufwand nicht zu.

Die Arbeitskollegen schwärmten von den Etappen um den Ortler, den Goldsee Trail, das Madritschjoch. Und genau diese Trails tippte Friedrich nun in sein Google-Suchfeld. Und landete auf unserer VinschgauBIKE Seite.

Die Bilder sind traumhaft schön, der Preis passt wohl auch, aber irgendwie ist sich Friedrich unsicher. Dieses verdammte Enduro Freeride "Neu Bike Vokabular". Soll ich anrufen? Und was, wenn die Sekretärin noch mehr Fachausdrücke in den Mund nimmt?

Friedrich verwirft seinen Plan, aber der Ortler Special lässt ihn nicht los. So greift er am darauffolgenden Tag zum Telefon und ruft die Sekretärin an.

Geisterjäger am Madritschjoch

Aber ich bin schon 50.

Ich (mittlerweile entspannt und erholt von der langen Bikesaison) relaxe auf der Couch und plane gerade selbst einen Urlaub, Ziel noch nicht genauer definiert. Da klingelt das Telefon.

Ich: VinschgauBIKE Schule, guten Abend.
Friedrich: Friedrich aus Oberirgendwas am Telefon (dann Stille ...)
Ich: Hallo Friedrich, Matze hier, wie kann ich dir helfen? (Ich spreche alle Mountainbiker mit DU an).
Friedrich: Hallo Matthias (!), ich habe ihr, äh dein Event auf der Webseite gesehen. (Dann wieder Stille ...)
Ich: Hallo?
Friedrich: Ja, ich bin noch da und würde gerne mit. Ist das was für mich?
Ich: (Die Stimme klingt sympathisch, aber ... Jetzt gönne ich mir einige Sekunden Pause). NEIN! (Von der anderen Seite war kein dumpfer Ton zu hören, Friedrich ist also noch nicht umgefallen, aber vielleicht tot?)
Friedrich: (sagt immer noch nichts)
Ich: Also Friedrich, du hast das Programm sorgfältig durchgelesen, dann darf ich dir nun eine Frage stellen?
Friedrich: Ja bitte.
Ich: Wo warst du letztens mit dem Mountainbike im Urlaub? Vielleicht irgendwo in den Alpen.
Friedrich: (Jetzt erhellte sich die Stimme und Friedrich erzählte freudig los) Ich war schon mal in den Dolomiten, genauer gesagt im Gadertal. Bin die Fanes Sennes Tour, die Kreuzkofel Tour gefahren. Ich war schon am Karwendel unterwegs und auch schon mal am Gardasee, aber da war's mir zu geröllig.
Ich: Super Friedrich, in den Dolomiten und im Karwendel hat's dir Spaß gemacht, also auch die Trails?
Friedrich: Ja ja, das waren suuuper Erlebnisse ...
Ich: (unterbreche Friedrich abrupt) So wie sich das anhört, wirst du auch auf der Ortler Special Tour Spaß haben. Also Friedrich: Du darfst mit.
Friedrich: (Stimme sackt wieder etwas ab) Echt?
Ich: Ja, Friedrich, wenn du in den Dolomiten und am Karwendel Spaß hattest, hast du garantiert keine Höhenangst, findest hochalpine Trails schön, bist für Natur zu begeistern. Also genau für dich machen wir ein solches Event.
Friedrich: (nimmt sich wieder eine Pause, ich wollte gerade nochmals testen, ob die Verbindung noch steht, dann kam...) Aaaaber, i i ich... Kann ich wirklich mit? I i ich bin aber schon über 50!
Ich: (wie aus der Pistole geschossen) Friedrich, dann sag ich jetzt wieder NEIN. (Wieder ist es Sekunden lang still, dann erlöse ich den armen Friedrich). 
Ich: Friedrich, du darfst auch als Ü50 mit. Halt dich einfach ein wenig fit im Frühjahr und sende mir morgen eine Mail mit deinen Daten.

Eines Abends während der Ortler Woche sitzen Friedrich und ich gemütlich an der Hotelbar. Friedrich bedankt sich bei mir für den schönen Tag. Er hatte seit dem Start der Woche seinen ganzen Alltag vergessen. Schmunzelnd frage ich ihn:  "Du bist ja Orthopäde, kannst du schnell mein kaputtes Knie operieren?" Friedrich verstand die Anspielung auf unser erstes Telefonat. Wir lachten beide und bestellten einen weiteren Braulio!

Friedrich ist ein angesehener Arzt und seit der Ortler Special mindestens zwei Mal jährlich mit uns auf irgendwelchen Trails unterwegs. Mittlerweile hat er ein neues Enduro Bike und kennt auch die ganzen Fachausdrücke. Friedrich geht fast auf die 60 zu und biked mit Freude und Selbstbewusstsein besser denn je.

Tibet Trail S4?

Was hat der Sundowner mit dem Audi S4 gemeinsam.

Unser Sundowner am Freitag hat eine lange Tradition. Sieben Teilnehmer haben unsere Partnerhotels über das Intranet für den besagten Freitag angemeldet. Eine halbe Stunde vor dem Tourenstart cruise ich gemütlich zur Bar Vis a Vis, unserem Bikepoint und Touren Startpunkt. So bleibt in der Regel genügend Zeit für mein italienisches Frühstück und die Zeitung.

Aber heute war alles anders. Genau auf meinem Bike-Stammplatz ganz rechts außen vor der Terrasse hängt ein silberfarbenes, feinst poliertes L 301 mit kariertem Sattel, Fox Kashima Fahrwerk und Syntace Anbauteilen.

Durch die Scheibe sehe ich auf der Terasse einen Biker sitzen mit knalligbunter Maloja-Bekleidung, Poc-Schonern und einem Fullface auf dem Tisch. Ich fühlte mich gleich beobachtet und hängte mein Bike mit Sicherheitsabstand neben dem teuren Gefährt auf die Stange.

Noch während ich auf den Biker zugehe, schießt der die erste Frage auf mich ab: "Fahren wir heute S4?" In solchen Situationen muß ich gar nicht denken, schon ist die Antwort unterwegs: "Ich habe keinen, aber wenn wir deinen nehmen, gerne."

Die Antwort saß, und noch bevor "Herbert" weitere Fragen abfeuern konnte, lobte ich sein L 301. Ob das wohl schon das MK8 sei? Dann folgte eine Lehrstunde und glaubt mir, besser hätte mir Michi Grätz auch nicht erklären können, was das neue MK9 besser kann als das alte MK8.

Dieser Herbert hatte schon gegen die erste Regel verstoßen: Klappe halten vor dem Frühstück (= erster Kaffee). Höflich entschuldigte ich mich, stand vom Tisch auf und bestellte meinen Frühstücks-Espresso an der Bar. In der Zwischenzeit gesellten sich die anderen Teilnehmer dazu und setzten sich neben uns. Herbert erzählte munter weiter über sein Traumbike und seinem 601er Höllenritt.

Und wieder saß meine Zunge locker: "Aber Herbert, das ist doch ein 301?" Etwas abwertend wurde mir erklärt, daß er den 601er Trail gefahren ist, eben mit dem 301er Bike. Ob ich denn wisse, was der 601er ist? Ich drehte mich nochmals um, blickte auf sein Bike und meinte dann: "Also den 601er Trail fahren und keinen Kratzer am Bike mitnehmen, dann läuft's bei dir, oder?"

Deshalb will Herbert heute auch wieder S4 fahren, S4 Schwierigkeitsgrad betonte er nochmals. Und nicht die öden Touri-Flowtrails. Das Schlüsselwort S4 machte die restliche Gruppe schlagartig nervös. Deshalb gab es im Aufstehen folgende Antwort: "Wir fangen gemütlich an und steigern uns."

Im Shuttle in Richtung St. Martin wurde es nicht ruhiger und Herbert wurde nicht nur mir immer Angst einflößender. Laut Erzählungen müsste Herbert eigentlich Innsbrucker sein und Gründungsmitglied der Vertriders.

Nach einer kurzen Erklärung am Trailhead sollte unser Freeride-Abenteuer beginnen. Die Sonne schien, aber niemand wollte losfahren. Konkreter gesagt, keiner wollte vor Herbert fahren. Und Herbert wollte zum Schluß fahren.

Ich schließe hiermit ab: Herbert war nicht Walter Röhrl, und deshalb wäre auch ein Audi für Herbert zu gefährlich gewesen. Herbert war eher der Fiat Panda Cruiser. Herbert war seit jenem Tag nie mehr im Vinschgau gesehen worden, die Trails waren wohl viel zu flowig und nicht S4.

Die Moral von der Geschichte.

Trau dich alle Fragen zu stellen, die du willst. Erzähl uns, was du gerne erleben willst und was dir bisher gut gefallen hat. Wir werden dann gemeinsam herausfinden, ob unsere Tour oder ein Event zu dir passt.

Bleib locker, du hast Urlaub und wir möchten dir diesen mit einem tollen Erlebnis vergolden.

Hab keine Angst, weder der Guide noch die Gruppe beißen dich.

Dein knorriger Vinschger.
Matze

 

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